Gina Marielle Schürg: Die Kämpferin für die Mittelstrecke – steckt sich neue Ziele
Update 2021: Gina verabschiedet sich aus dem Leistungssport. Erneut hat sie im vergangenen Jahr eine Verletzung aus der Bahn geworfen, die operativ versorgt werden musste. In der langwierigen Reha-Zeit hat sie sich mit dem Ende des Leistungssports auseinandergesetzt: „Mein Körper hält die hohen Belastungen nicht durch. Ich konzentriere mich jetzt auf mein Studium“, sagt Gina. Sie studiert Lehramt für die Grundschule und ist derzeit fest in die Unterrichtsplanung in einer Frankfurter Grundschule eingebunden. Der neue Schwerpunkt und die Arbeit mit den Kindern gibt ihr Kraft und macht ihr viel Spaß. „Ich finde es gut so viel praktische Erfahrung zu sammeln, denn das Studium ist oft zu theoretisch und bereitet zu wenig auf die Realität in der Schule vor“, sagt sie. Dem A-Team bleibt sie trotz ihres Abschieds aus dem Spitzensport verbunden und der Leichtathletik auch. Der Mittelstreckenlauf ist nun mal trotz allem eine Herzensangelegenheit für sie. Wie schwer ihr der Abschied gefallen ist, schildert sie in einem eigenen Beitrag, den du hier lesen kannst.
Athletenportrait (2020)

Gina ist wieder da. Mehr denn je ist sie als Kämpferin zurückgekehrt – davon hat sie auch die Corona-Krise nicht abhalten können. Gina Marielle Schürg läuft im Athletics Team Karben die 1.500- und 3.000-Meter-Strecken. Dass sie heute wieder zwölf bis 14 Stunden pro Woche trainiert, intensives Lauf-, Kraft- und Bewegungstraining absolvieren kann, hat sie einer ihrer besonderen Stärken zu verdanken: „Das ist mein großer Wille. Ich kann im Training und im Wettkampf weit über meine Grenzen hinaus gehen“, sagt die schmerzerprobte Athletin. Wie eisern ihr Wille ist und wie hart sie an sich arbeiten kann, hat sie am Anfang ihrer Laufkarriere auf sportlicher Ebene gezeigt. 2016 bei der Berglauf-Weltmeisterschaft U18 fing alles an. Sie überwand 300 Höhenmeter auf einer Strecke von 2,9 Kilometer und erreichte mit dem DLV-Team den 9. Platz. Danach war sie hoch motiviert und fragte sich: „Was kann ich noch? Was kommt noch?“ Mit entsprechendem Elan setzte die damals 17-jährige Sportlerin ihr Training fort und fuhr bald darauf mit der Nationalmannschaft ins DLV-Trainingslager nach Portugal – zuversichtlich und bereit jetzt richtig loszulegen.
Zerplatzte Träume trotz Schutzschild
Doch diesmal platzten innerhalb weniger Sekunden all ihre sportlichen Zukunftspläne wie Seifenblasen: Bei einer Trainingstour mit dem Fahrrad stieß sie frontal mit einem PKW zusammen. Sie wirbelte hoch durch die Luft und prallte schließlich mit dem Knie voran auf den Boden. Ihre Kniescheibe war in dieser Sekunde ihr einziger Schutzschild – der Zufall hat ihn eingesetzt. Ihr Schild war allerdings durch den harten Aufprall zerborsten und mit ihr alles, was sich Gina in der Leichtathletik vorgenommen hatte. Ganz bestimmt war es Glück im Unglück für Leib und Leben, dennoch waren es die zerplatzten Träume, die der leidenschaftlichen Mittelstreckenläuferin durch den Kopf schossen. Das Bewusstsein für den schweren Unfall und alles, was sonst noch hätte passieren können, entwickelte sie erst viel später. Dann als, ihr klar geworden war, dass sie den reibungslosen Gang auf zwei Beinen neu wird lernen müssen.
Nach der ersten von insgesamt zwei Knieoperationen, infolge des Unfalls, vergingen sechs Monate, bis sie auf dem Ergometer wieder eine ganze Radumdrehung geschafft hat. Das war ihr erstes großes Erfolgserlebnis und von da an ging es Schritt für Schritt voran. In der zweiten Operation wurde die Metallplatte im Knie entfernt. Nach gut einem Jahr trainierte sie wieder mit ihrer Trainingsgruppe und von den vergangenen Strapazen oder möglichen Defiziten war nichts mehr sehen. Im März 2018 absolvierte sie ihr erstes DLV-Trainingslager. Mit Höhen und Tiefen ging es weiter, denn eine entzündete Achillessehne und danach ein Bänderriss warfen sie erneut zurück. Aber sie winkt ab: „Alles halb so schlimm. Bei dem Unfall habe ich wirklich Glück gehabt und es war eine harte Zeit, das durchzustehen. Aber ich habe wieder laufen gelernt.“ Jammern gehört nicht gerade zu ihrem Repertoire. Mit der Situation in der Corona-Krise geht sie genauso pragmatisch um: „Wir Läufer können ja noch froh sein, dass wir allein draußen trainieren durften“, sagt sie, „andere Sportler, wie etwa die Schwimmer, traf es doch noch härter“, so die Athletin.
Keine Wettkämpfe, aber Training nach Plan
Aktuell läuft Ginas Leistungssteigerung nach Plan, die Wettkampftermine leider nicht. Die Studentin für Grundschullehramt hatte ihr Comeback für Mitte August bei den deutschen U23-Meisterschaften in Mönchengladbach geplant. Doch der Wettbewerb verschiebt sich auf 2021. Ihr Wunsch sich selbst zu beweisen, was sie noch zu leisten vermag, ist dennoch ungebrochen. „Ich bin neugierig auf das, was kommt, und bin bereit, dafür zu arbeiten – Aufgeben ist für mich keine Option“, sagt die Studentin. Seit sie an der Goethe-Universität studiert, läuft es auch besser mit der Koordination von Training und Lernzeit. „Der Stundenplan lässt sich – je nach Kurs – selbst gestalten und 2019 bin ich auch schon für Trainingsmaßnahmen freigestellt worden.“ Diese entspannte Freiheit tut Gina gut, denn eines hat sie in ihrer langen Verletzungsphase und durch vorherige Verletzungen auch über sich gelernt. „Wenn man zu verbissen an die Dinge herangeht, schadet man sich nur selbst.“ Sie hat in ihrer Rehabilitations-Phase wichtige persönliche Erfahrungen gesammelt, die sie gerne mit uns teilt:
In Gemeinschaft durch die Krise
- Meine Eltern waren in dieser Zeit sehr wichtig für mich. Es ist gut, jemanden an der Seite zu haben, der immer zu einem steht.
- Die Videos, die meine Mutter gedreht hat, haben meine Trainingsfortschritte festgehalten. Das zeigt die objektiven Fortschritte, auch wenn man glaubt, dass es eigentlich nicht weiter geht.
- Mein Vater hat mich motiviert, indem er mir klar gemacht hat, dass ein Körper weiß, was er früher schon einmal geleistet hat. Für mich hieß das: Es muss mir möglich sein, mein Können zurückzuholen.
- Meine Mutter hat mich bei späteren Läufen oft mit dem Fahrrad begleitet. In Gesellschaft läuft es sich eben noch besser.
- Ich habe immer Kontakt zu meiner Trainingsgruppe gehalten, die Tempoläufe und die Wettkämpfe der anderen haben mir gezeigt, wo es für mich hingeht.
- Ich habe das Team über meine winzigen Trainingserfolge informiert, z. B. meinen ersten Lauf, der über eine Minute ging. Die Freude, die ich mit den anderen teilen konnte, und die das Team für mich empfunden hat, hat mich motiviert.
- Es ist auch wichtig, sich damit auseinanderzusetzen, woran es liegen kann, wenn die Verletzungen anscheinend kein Ende nehmen. Für mich heißt das, lockerer werden und meine Körpersignale besser wahrnehmen.
- Und: Hilfen suchen und annehmen. Mir half der Einstieg ins Studium, mein Training und die Lernzeit zu koordinieren. Der Kontakt zur Laufbahnberatung am Olympiastützpunkt Hessen hat mir dabei sehr geholfen, weil ich mit dessen Hilfe mein Wunschstudium an der Goethe-Universität beginnen konnte.
Autorin: Yvonne Wagner